Teil 1 von 2 _
Wir alle kennen Situationen im Leben, in denen uns Emotionen überfluten und überfordern. Wir sind dann die Angst, Wut, Trauer etc. und fühlen uns dabei dem Gefühl ausgeliefert und handlungsunfähig. Ich habe gelernt, mich dann von dem Gefühl zu distanzieren. Ein Satz wie «Ich bin nicht die Angst. Ich habe die Angst» ist dazu hilfreich. Doch was, wenn ich meine Emotionen nicht habe, sondern selbst mache?
Emotionen sind ein zentraler Bestandteil des menschlichen Erlebens und Handelns. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen und unser Wohlbefinden. Lisa Feldmann Barrett, eine amerikanische Neurowissenschaftlerin und Psychologin, vertritt die Ansicht, dass Emotionen keine festen, biologisch vorgegebenen Reaktionen sind, sondern von unserem Gehirn konstruiert werden, basierend auf individuellen Erfahrungen, Wahrnehmungen und kulturellen Einflüssen. Sie sind also erlernt und von uns gemacht. Inspiriert von ihrem Buch und anderen Büchern, die ich die letzten Monate gelesen habe, teile ich mit Euch in diesem zweiteiligen Beitrag einige Erkenntnisse und Gedanken zum Thema Emotionen:
- Nicht mein Gegenüber macht meine Gefühle, sondern ich selbst. Ich bin – als gesunder und erwachsener Mensch – selbst für meine Gefühle verantwortlich. Es ist Teil unserer Kultur, dass wir denken, man macht anderen Menschen Gefühle. «Du machst mich wütend…» ist ein Satz im Repertoire von uns allen. Dabei weiss jede und jeder, dass unsere Reaktion auf gleiches Verhalten Anderer je nach Verfassung, Beziehung und Situation vollkommen unterschiedlich ausfällt.
- Emotionen sind nicht Reaktion, sondern Vorhersage. Emotionen entstehen nicht als direkte Reaktion auf ein äusseres oder inneres Geschehen, sondern als Vorhersagen des Gehirns, wie wir uns in bestimmten Situationen fühlen sollten. Diese Vorhersagen basieren auf Erfahrungen und Wissen, das im Gehirn gespeichert ist. Emotionen sind daher eine Art von mentalem Modell, das hilft, die Welt zu interpretieren und uns auf zukünftige Ereignisse vorzubereiten. Insbesondere in belastende Situationen scheint es mir wichtig, diese Vorhersagen und Emotionskonstrukte zu verstehen und unter Umständen zu hinterfragen. Wie nutze ich meine Gegenüber oder die Situation, um mir Angst zu machen? Wie mache ich es, Schuld oder Scham zu empfinden? Welche alternativen Antworten könnte es in mir geben? Über Achtsamkeit, Reflektion und Selbsterforschung bin ich meinen Emotionen nicht mehr länger ausgeliefert und ich kann lernen die unbewussten Muster und Reaktionen zu erkennen und alternative, hilfreiche Gedanken, Glaubensätze, Bilder und Verhalten zu entwickeln.
- Ich kann nicht wissen oder fühlen, wie es Dir geht. Menschen erleben und drücken Emotionen unterschiedlich aus. Meine Vorstellungen von Wut, Angst, Trauer, Freude sind damit nicht dieselbe wie von meinem Gegenüber. Ich kann mich jedoch bemühen Raum für Emotionen zuzulassen und mich durch Empathie, echtes Interesse und Fragenstellen in die Situation meines Gegenübers zu versetzen und so ein «Gefühl» für die Perspektive der anderen Person zu bekommen. Damit schaffe ich einen Boden für Verbundenheit und eine gute zwischenmenschliche Beziehung.
Emotionen sind nicht nur subjektives Erleben, sondern tief in unseren körperlichen und sozialen Prozessen verwurzelt. Sie sind ein Schlüssel zur Selbstreflexion, zum Selbstbewusstsein und zum Verständnis unseres Verhaltens. Je differenzierter ich diese wahrnehmen und benennen kann, desto besser wird mein Verständnis für meine eigene innere Welt, und desto klarer kann ich meine Emotionen nach aussen kommunizieren und nach innen regulieren. Verschiedene wissenschaftliche Studien stützen die Annahme, dass sich dadurch die Stressresilienz steigert und sich zwischenmenschliche Beziehungen und insgesamt die Lebensqualität verbessert.
Für diesen Beitrag haben mich folgende Quellen inspiriert:
- Das Buch „How Emotions Are Made“ von Lisa Feldman Barrett
- Das Buch „Positive Intelligence“ von Shirzad Chamine
- Das Buch „How to Know a Person“ von David Brooks
- Die Beiträge der Serie „Wozu Gefühle“ von Klaus Eidenschink auf LinkedIn